Warum Einkäufer nicht verhandeln, sondern warten

Vier Taktiken, mit denen professionelle Einkäufer Projektverzögerungen als Druckinstrument nutzen. Erklärt von einem aktiv praktizierenden Einkäufer mit 25 Jahren B2B-Erfahrung.

Warum Einkäufer nicht verhandeln, sondern warten
Werner Wonisch | Einkaufs-Insider mit 25 Jahren strategischem B2B-Einkauf.

Ein Angebot liegt auf dem Tisch. Drei Wochen. Keine Rückmeldung.

Der Geschäftsführer schreibt eine freundliche Erinnerungsmail. Noch eine Woche. Dann ein Telefonat, das ins Leere läuft. Der Projektstart rückt näher. Die Produktionskapazität ist reserviert. Der Einkäufer meldet sich nicht.

Man könnte das als Unhöflichkeit lesen. Es ist vielmehr eine bewusste Methode.

Die Lücke zwischen Angebot und Entscheidung

Im Projektvergabeprozess gibt es einen Moment, in dem der Lieferant alles gegeben hat und der Einkäufer noch nichts entschieden hat. Diese Lücke ist nicht leer. Sie ist besetzt.

Wer auf der anderen Seite des Tisches sitzt, weiß das. Der Lieferant wartet. Der Einkäufer arbeitet. Nicht an der Entscheidung, sondern an seiner Verhandlungsposition.

Taktik 1: Der Produktionsslot als Hebel

Manche Fertigungsverfahren haben knappe Kapazitäten. Strangpressprofile, gewalzte Bleche, spezialisierte Gießereien. Ein erfahrener Einkäufer kennt diese Engpässe. Er weiß, dass ein Lieferant seinen Slot irgendwann anderweitig vergeben muss, wenn keine Entscheidung kommt.

Also wartet er. Nicht aus Desinteresse, sondern weil der Lieferant in dieser Situation erfahrungsgemäß von sich aus aktiv wird und Zugeständnisse anbietet, um den Auftrag zu sichern. Der Einkäufer hat nichts getan. Der Lieferant hat nachgegeben.

Taktik 2: Das taktische Hinhalten

Parallel läuft ein anderes Gespräch. Mit einem Mitbewerber. Vielleicht mit zweien.

Der Einkäufer sammelt Positionen: Preise, Konditionen, Lieferzeiten. Er kommuniziert nichts davon. Er lässt alle Beteiligten in dem Glauben, sie seien im Rennen. In der Endphase, wenn der Druck auf allen Seiten am höchsten ist, werden diese Positionen als Druckmittel eingesetzt.

"Ihr Mitbewerber ist da deutlich flexibler."

Ob das stimmt, ist für den Lieferanten nicht überprüfbar. Und die Aussage wirkt trotzdem.

Taktik 3: Ghost

Keine Antwort. Kein Telefonat. Keine Absage.

Es gibt Situationen, in denen ein Einkäufer nicht kommunizieren kann oder will. Das Projekt ist intern noch nicht freigegeben. Die Budgetentscheidung hängt. Es gibt einen internen Favoriten, den man nicht offiziell benennen darf. Oder die Verhandlungsposition ist noch nicht stark genug für ein offenes Gespräch.

In allen diesen Fällen ist Schweigen die rationellste Option für den Einkäufer. Für den Geschäftsführer auf der anderen Seite fühlt es sich nach Unsicherheit an, nach einem schlechten Zeichen, nach einem Grund, nachzugeben. Genau das ist die Wirkung.

Taktik 4: Die Scheinverhandlung

Ein Gespräch wird angeboten. Termine werden vereinbart. Es wird verhandelt, aber nicht ernsthaft.

Scheinverhandlungen haben einen klaren Zweck: Sie liefern Information. Der Einkäufer lernt, wo die Schmerzgrenze des Lieferanten liegt, welche Zugeständnisse er bereit ist zu machen und wie er auf Druck reagiert. Diese Information wird nicht in dieser Verhandlung genutzt. Sie wird für den Moment aufgespart, in dem der Einkäufer bereit ist, wirklich zu entscheiden.

Was alle vier Taktiken gemeinsam haben

Sie funktionieren nur unter einer Bedingung: Der Lieferant weiß nicht, was im Unternehmen des Kunden tatsächlich passiert.

Kein Zugang zur Projektlage. Kein Netzwerk in Technik oder Produktion. Keine Brancheninformationen über Investitionspläne, Budgetzyklen oder Wettbewerbssituationen.

Wer nicht weiß, was auf der anderen Seite des Tisches vorgeht, reagiert. Wer es weiß, handelt anders. Der Unterschied zwischen diesen beiden Positionen ist keine Frage der Verhandlungstechnik. Es ist eine Frage der Vorbereitung.

Werner Wonisch ist aktiv praktizierender strategischer Einkäufer mit 25 Jahren B2B-Erfahrung. Mit DEAL-ARCHITEKTUR™ zeigt er Geschäftsführern produzierender KMU, wie sie Verhandlungen souverän führen, bevor das erste Wort fällt.

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